
Susanne Nieder
2020 erkrankte meine Tochter an einer atypischen Anorexie. Es traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als sie sagte: Ich kann nicht mehr essen. Ungefähr vier Wochen später nahm sie fünf Tage lang überhaupt nichts mehr zu sich. Sie war erst 13 Jahre alt, schnelles Handeln war geboten. Wir begannen unseren Weg in der Notaufnahme eines großen Klinikums, wo man uns nach einer Woche Auffüttern wieder wegschickte. Es dauerte noch zwei Monate, bis eine andere Kinder- und Jugendpsychiatrie sich bereiterklärte, unsere Tochter aufzunehmen.
Die Zeit vor der Aufnahme war extrem nervenzehrend, weil wir aus der ambulanten Beratung bereits wussten, das Kind ist in Lebensgefahr. Wir konnten aber nicht einschätzen, wie akut sie gefährdet war. Angemessene Hilfe zu organisieren, erwies sich als viel schwieriger, als wir gedacht hatten.
Wir waren unendlich erleichtert, als unsere Tochter einen Klinikplatz bekam. Ihr langer Krankenhausaufenthalt war weder für sie noch für uns eine leichte Zeit. Aber man hat ihr dort das Leben gerettet. Nach einem Dreivierteljahr in Klinik und Reha begann ihr mühsamer Weg, auch zu Hause wieder ausreichend zu essen. Es dauerte, bis sie sich entschließen konnte, Millimeter für Millimeter die Verantwortung für ihre eigene Gesundheit zu übernehmen und zurück ins Leben zu kommen. Anderthalb Jahre lang ging sie fast gar nicht zur Schule.
Es war eine verunsichernde Zeit für unsere Familie. Dabei leben wir in der Großstadt und hatten das Privileg, jede Unterstützung in Anspruch nehmen zu können, die in unserem Gesundheitssystem Minderjährigen, die an einer Essstörung erkrankt sind, angeboten wird. Insgesamt hat ihre Erkrankung vier Jahre gedauert.
Was in der ganzen Zeit gefehlt hat, war Unterstützung und Einbindung für uns Eltern. Wir waren außen vor, während des Aufenthalts unserer Tochter in Klinik und Reha und auch danach. Dieser Zustand ist im deutschen Gesundheitssystem nach wie vor Alltag. Viele Familien stehen der Essstörung ihres Kindes auch nach Jahren der Erkrankung noch hilflos gegenüber, weil es an Schulung und Unterstützung fehlt.
Um zu einer Verbesserung dieses Zustandes beizutragen, habe ich mich nach der Genesung meiner Tochter fortgebildet und auf die Begleitung Angehöriger bei Essstörungen und die Beratung von Kinder- und Jugendpsychiatrien spezialisiert. Schulung und Unterstützung von Angehörigen bei Essstörungen entlastet Gesundheitssystem und Familien. Sie erhöhen die Chancen der Erkrankten, den Weg aus der Essstörung zu finden. Was könnte sich mehr lohnen!
Lebenslauf
- 2025 Zertifizierte Fachkraft Systemisches Eltern- und Familiencoaching
- Seit 2017 aktiv in Coaching und Beratung
- Ausbildung zum Systemischen Coach 2013/2014
- Seit 2010 Aus- und Weiterbildung zum Beziehungscoach
- Seit 2024 Jugendschöffin am Amtsgericht Tiergarten, Berlin
- Berufserfahrung bis 2022:
- 28 Jahre Autorin/Redakteurin bei Der Tagesspiegel, Berlin
- 18 Jahre Zeitungmachen/Textarbeit mit Kindern und Jugendlichen
- 16 Jahre Dozentin für schriftliche Kommunikation an der Berliner Journalistenschule
- Autorin und Herausgeberin für die Landeszentrale für politische Bildung Berlin und den bebra Verlag
- Studium der Anglistik und Slawistik an der FU Berlin (Magisterabschluss 1994)
- Ausbildung und Berufstätigkeit als Buchhändlerin 1984-1987
- Abitur 1983 in Freiburg/Breisgau