Essstörungen bei Kindern:
Hilfe, Symptome & FAQ für Angehörige

Wenn Sie den Verdacht haben, Ihr Kind könnte an einer Essstörung wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating leiden, dann handeln Sie. Essstörungen gehen nicht von alleine weg. Je eher sie behandelt werden, desto besser sind die Chancen, sie in den Griff zu bekommen. Ihr Kind braucht jetzt Ihre Hilfe. Sie sind nicht schuld an der Essstörung. Lassen Sie sich beraten. Auf dieser Seite finden Angehörige Antworten auf die häufigsten Fragen zu Symptomen, Behandlungsmöglichkeiten und Beratungsstellen.

Hilfe bei Essstörungen: Warum Eltern schnell handeln sollten


Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Ihr Kind oder eine andere nahestehende Person eine Essstörung hat, dann verlieren Sie keine Zeit. Je früher eine Essstörung behandelt wird, desto besser sind die Chancen, weil die gestörten Denkmuster noch nicht festgefahren sind. Je tiefer diese Muster sich eingraben, desto schwieriger wird es, sie aufzulösen. Lassen Sie sich beraten. Unser Gesundheitssystem bietet zur ersten Orientierung gute Beratungsstellen (siehe unten).

Symptome einer Essstörung: Erste Anzeichen bei Kindern und Jugendlichen

Intensive Beschäftigung mit Ernährung, Essen nach selbst auferlegten Regeln

Kocht und backt viel für andere, isst aber selbst nichts

Kalorienzählen/Weglassen von Nährstoffen, bei denen Gewichtszunahme befürchtet wird

Hoher/zwanghafter Bewegungsdrang, extrem viel Sport

Gewichtsverlust oder Zunahme in kurzer Zeit

Trägt nur noch weite, verhüllende Kleidung

Taucht oft nur zu vereinzelten Mahlzeiten auf, isst nichts mit der Begründung, dass sie/er vorher gegessen hat oder nachher essen wird/will nicht mehr an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen

Behauptet, nur kleine Portionen zu brauchen, extrem langsames Essen mit kleinen Bissen

Verlangt vom Rest der Familie, sich an bestimmte Regeln zu halten wie Aufenthaltszeiten in der Küche, „erlaubte“ und „verbotene“ Nahrungsmittel, bestimmtes Essverhalten

Reagiert aggressiv bei Konfrontation mit Ess- und Bewegungsverhalten

Große Mengen von Essen verschwinden regelmäßig aus dem Kühlschrank

Verschwindet nach den Mahlzeiten regelmäßig lange auf der Toilette, hat anschließend die Zähne geputzt (Erbrechen)

Sozialer Rückzug, trifft sich nicht mehr mit Freundinnen und Freunden

Wirkt müde und abgeschlagen, hat keinen Spaß mehr, schlechte Laune

Arten von Essstörungen: Magersucht, Bulimie und Binge Eating erkennen

Eine Essstörung ist eine gravierende psychosomatische Erkrankung. Je eher sie behandelt wird, desto besser sind die Aussichten, sie in den Griff zu bekommen. Die häufigsten drei Essstörungen sind:

Binge Eating äußert sich in wiederkehrenden Essanfällen, bei denen die erkrankte Person große Mengen von Essen in sich hineinschlingt, ohne sich kontrollieren zu können. Die Folge ist Gewichtszunahme.

Bei Bulimie passiert dasselbe, die Nahrungsmittel werden aber anschließend durch selbst herbeigeführtes Erbrechen oder Abführmittel wieder von sich gegeben. Das Körpergewicht verändert sich nicht.

Anorexie/Magersucht kann zu lebensbedrohlichem Gewichtsverlust führen, weil die erkrankte Person sich selbst ein immer strengeres Programm zum Abnehmen auferlegt. Dahinter steht ein Bedürfnis nach Kontrolle und oft eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Die erkrankte Person fühlt sich „fett“, obwohl sie immer dünner wird (Körperschemastörung). Typisch ist die „anorektische Stimme“ im Kopf, die unausgesetzten Stress verursacht und nur schweigt, wenn die erkrankte Person nichts isst. Bulimie und Anorexie können gleichzeitig auftreten oder sich abwechseln.

Essstörungen treten oft im Zusammenspiel mit anderen Störungen wie Depression oder Angststörung auf. Es können zum Beispiel auch (unentdeckte) ADHS oder Autismus eine Rolle spielen. Allen ist gemeinsam, dass die erkrankte Person an mangelndem Selbstwert leidet und versucht, Emotionen und Konflikte über die Essstörung zu regeln. Da sie sich für ihr Essverhalten schämt, versucht sie, es geheim zu halten – oft sogar vor sich selbst.

H3 Weitere Essstörungen: Orthorexie und AFRID

Bei Orthorexie schlägt „gesundes Essen“ in zwanghaftes Einhalten selbst auferlegter Regeln um, die Beschäftigung mit Essen nimmt einen großen Teil der Zeit ein.

AFRID steht für vermeidend-restriktive Essstörung. Diese Störung kann durch als unangenehm empfundenen Geschmack, Geruch, Aussehen oder Beschaffenheit von Lebensmitteln ausgelöst und aufrechterhalten werden. Es können auch mangelnde Lust auf Essen oder die Angst vor unangenehmen Folgen wie Verschlucken, Erbrechen oder Bauchschmerzen dahinterstehen. AFRID kann sich im Kindes-, Jugendlichen- und Erwachsenenalter entwickeln..

Beratungsstellen & Hilfe: An wen können sich Angehörige wenden?
  • Der erste Weg führt zum Kinderarzt. Allerdings gibt es auch immer wieder Berichte von Eltern, denen ihre Befürchtungen kleingeredet wurden. Hören Sie in diesem Fall auf Ihr Gefühl und wenden Sie sich an eine Beratungsstelle für Essstörungen. Es gibt in Deutschland zwar keine flächendeckende Versorgung, aber für die allgemeine Orientierung ist eine telefonische Beratung auch ortsunabhängig sehr sinnvoll. Hier einige Empfehlungen:
  • Dick und dünn (Berlin)
  • Cinderella (München)
  • Therapienetz Essstörungen (Erding)
  • Anad (München)

Ausführliche schriftliche Informationen zu Essstörungen finden Sie auch unter www.gesundheitsinformation.de/essstoerungen.html

Therapie & Behandlung von Essstörungen: Ambulant, Familienbasierte Therapie oder Klinik?

Binge Eating und Bulimie können in aller Regel mit einer ambulanten Psychotherapie behandelt werden, zusätzlich auch mit Ernährungsberatung. Es ist nicht leicht, einen Therapieplatz zu bekommen. Zur ersten Orientierung dient das Patientenportal der Kassenärztlichen Vereinigung KBV (www.kbv.de/psychotherapie).

Eine Behandlung in der Klinik kann dann erforderlich werden, wenn weitere Störungen dazukommen oder Suizidgefahr besteht.

Anorexie ist die Essstörung, die am häufigsten einen Klinikaufenthalt erfordert, weil durch extremen Gewichtsverlust Lebensgefahr bestehen kann. Ein Klinikaufenthalt kann auch dann notwendig werden, wenn das Körpergewicht zwar noch im grünen Bereich ist, sich das anorektische Denkmuster aber bereits verfestigt hat (atypische Anorexie).

Ein Notfall liegt vor, wenn der BMI (Körpergewicht in Relation zur Körpergröße) auf unter 16 sinkt (der normale BMI liegt bei 21 – 25). Bei einem stationären Klinikaufenthalt wird je nach Zustand zunächst „aufgefüttert“, um das Körpergewicht in einen medizinisch unbedenklichen Zustand zu bringen. Mit Psychotherapie wird erst ab einem BMI von 16 bei Mädchen und Frauen (BMI von 17 bei Jungen und Männern) begonnen. Die Begründung ist, dass ein stark unterernährtes Gehirn starre Denkmuster und bestimmte, von Unterernährung verursachte Verhaltensweisen erzeugt und erst wieder ausreichend genährt werden muss.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie essen an Anorexie Erkrankte sechs Mahlzeiten täglich nach einem genauen Essensplan. Je nach Gewicht und Zustand nehmen sie neben der Einzeltherapie an Therapiegruppen, Schulunterricht und Ausflügen teil, es gibt Besuchszeiten für die Angehörigen (die bei dieser Gelegenheit frische Wäsche bringen und schmutzige mitnehmen) und nach einer gewissen Zeit begrenzte Aufenthalte zu Hause.

In einer kinder- und jugendpsychiatrischen Akutklinik werden viele unterschiedliche Symptome behandelt. Dementsprechend sind alle Patient*innen zusätzlich zu ihren eigenen mit den Herausforderungen aller anderen konfrontiert. Das ist nicht immer leicht zu verkraften. Wenn es gut läuft, können aus dieser Leidensgemeinschaft trotzdem ein Netzwerk und sogar dauerhafte Freundschaften entstehen, die unter anderem helfen, das Gefühl der Isolation zu durchbrechen.

Derzeit werden die Angehörigen in Deutschland nur von wenigen Kliniken in den Behandlungsprozess einbezogen. Bei Minderjährigen gibt es Einzelgespräche mit den Psychotherapeut*innen, aber generell wird den Erkrankten vermittelt, dass sie ihre Essstörung selbst in den Griff bekommen müssen, während die Angehörigen nicht geschult und vom Behandlungsprozess ferngehalten werden. Die Bürde der Elternrolle bei Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa

Dabei ist gut erforscht und belegt, dass die Einbeziehung von Angehörigen das gesamte System entlastet. Wenn sie mit dem wissenschaftlichen Hintergrund, den Erfordernissen der Ernährung sowie geeigneten Kommunikationsmethoden vertraut gemacht werden, können Eltern ihr an einer Essstörung erkranktes Kind besser unterstützen. Eine systematische Elternschulung in Gruppen schafft außerdem eine Gemeinschaft, die das Gefühl von Einsamkeit aufheben kann, das viele Familien in dieser Situation quält.

Der „Drehtüreffekt“, dass viele an einer Essstörung Erkrankte immer wieder in die Klinik müssen, kann durch Einbeziehung der Angehörigen vermindert werden. Angehörige, die geschult sind, Unterstützung bekommen und eine Gemeinschaft haben, können dazu beitragen, dieser komplexen Erkrankung wirkungsvoller entgegenzutreten. Research Base – The New Maudsley Approach

Derzeit untersucht die Charité in einer Studie die Wirksamkeit der Familienbasierten Therapie (FBT), die in der englischsprachigen Welt seit Langem Standardbehandlung ist. Bei diesem Ansatz wird die erkrankte Person (mit Unterstützung durch Therapie und Beratung) in der Familie versorgt. Planen, Einkaufen, Abwiegen, Zubereiten und Begleiten von sechs Mahlzeiten am Tag übernehmen die Angehörigen. Allein die erste Phase dauert sechs Monate.

Wer sich mit dieser Option vertraut machen möchte, findet unter fbt-fiat.de sowie beim Elternnetzwerk Magersucht (www.elternnetzwerk-magersucht.de) mehr Informationen.

Unterstützung für Eltern: Kurse und Coaching für Angehörige

Beratungsstellen für Essstörungen bieten meistens Kurse für Angehörige an, die allerdings oft in Präsenz und daher ortsgebunden sind und eine Laufzeit über mehrere Monate haben.

Ich arbeite nach dem New Maudsley Approach zur Unterstützung von Angehörigen bei Essstörungen (The New Maudsley Approach – A resource for professionals and carers of people with eating disorders). Meine offenen Übungstermine und Workshops sind auch geeignet für professionell Interessierte aus Schule, Betreuung, Beratung, Arztpraxen und Kliniken. Meine Angebote sind online und beschäftigen sich mit spezifischen Themen rund um die Begleitung von Essstörungen. Einzelberatung kann in Berlin auch in Präsenz vereinbart werden. Mein Angebot finden Sie hier (Link).

Wenn Sie gut Englisch sprechen, können Sie sich auch direkt an die New Maudsley Carers (Home – newmaudsleycarers-kent) beziehungsweise den Charlie Waller Trust (Charlie Waller Trust | Mental Health Charity) wenden. Dort finden Sie Angebote für englischsprachige Online-Workshops und Übungsabende.